Bürgerenergie: Investitionen in Frieden und Wohlstand

Zu sehen ist ein Podium, auf dem fünf Personen Platz genommen haben und gemeinsam mit dem Publikum über energierelevante Themen diskutieren. Im linken Vordergrund steht ein Mann mit Mikrofon, der einen Beitrag in das Plenum einbringt. Das Podium wird im Hintergrund von indirektem Licht aus Strahlern in warmen Orange- und kühlen Blautönen stimmungsvoll beleuchtet.
Konstruktiver Austausch mit dem Publikum bereicherte die Veranstaltung „Energiesysteme im Wandel – Chancen für die Region“. Auf dem Podium diskutierten (von links): Mátyás Scheibler (Energiewenden AT), Verena Riedler (KlimJa), Moderator Bernward Janzing, Udo Rothmund (Stadtwerke Radolfzell) und Bene Müller (solarcomplex AG).
Copyright: Bodensee-Stiftung

Deutschland verfügt unter anderem mit Sonne, Wind, Wald, Mooren und Ingenieurkunst über alle Grundlagen für Klimaschutz und damit für Frieden und Wohlstand. Mit diesem Wissen hätten sich die Gäste der Tagung „Energiesysteme im Wandel – Chancen für die Region“ auf der Insel Mainau zufrieden zurücklehnen können. Doch im Gegenteil war die Stimmung unter den Vertreter*innen von Kommunalverwaltung, Energieberatung und Zivilgesellschaft alles andere als entspannt.
Zum 24. Mal hatten Bodensee-Stiftung, Landesforstverwaltung BW, Mainau GmbH und solarcomplex AG zu der Veranstaltung eingeladen. Die klare Botschaft der Referent*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung auf der Insel Mainau: Die Energiewende muss deutlich schneller vorangetrieben werden – und Bürger*innen können dabei nicht nur aktiv mitwirken, sondern auch wirtschaftlich profitieren.

„Der Ausstieg aus fossilen Energien ist nicht nur zum Schutz vor Wetterextremen nötig, sondern auch eine Frage von Krieg und Frieden”, betonte Prof. Dr. Michael Sterner, der mit seiner Eröffnungsrede den Verstand und einer abschließenden Gitarreneinlage das Herz der Gäste ansprach. Prof. Dr. Pedro da Silva von der Teckwerke Bürgerenergie eG brachte es provokant auf den Punkt: Ein Öltanker sei ein Geldtransporter in autokratisch regierte Länder. Genossenschaften zur Finanzierung regenerativer Energien böten dagegen die Möglichkeit für Investitionen und Gewinne vor Ort. Bürger*innen profitierten dabei nicht nur von Dividenden, sondern auch von besserer Infrastruktur in ihrer Gemeinde.

Das Bild ist ein Gruppenfoto mit 5 Personen. Von links: Bene Müller (solarcomplex AG, Volker Kromrey (Bodensee-Stiftung), Anja Peck (Landesforstverwaltung BW) und Björn Graf Bernadotte (Mainau GmbH). Rechts im Bild Prof. Dr. Michael Sterner (IFES Institut für Energiespeicher GmbH), Keynotespeaker der Veranstaltung.
Zum 24. Mal hatten sie zur Veranstaltung „Energiesysteme im Wandel – Chancen für die Region“ eingeladen (von links): Bene Müller (solarcomplex AG, Volker Kromrey (Bodensee-Stiftung), Anja Peck (Landesforstverwaltung BW) und Björn Graf Bernadotte (Mainau GmbH). Rechts im Bild Prof. Dr. Michael Sterner (IFES Institut für Energiespeicher GmbH), Keynotespeaker der Veranstaltung. Copyright: Bodensee-Stiftung

Welche Möglichkeiten für Beteiligungen gibt es? Referent*innen aus Österreich und der Schweiz gaben motivierende und inspirierende Antworten. Klar wurde: Nicht jedes Konzept passt für alle. Aber für alle Konzepte gilt: Sie sind ein Gewinn für jeden. Mit Blick auf Klimawandelfolgekosten seien „erneuerbare Energien der günstigste Weg, den unsere Volkswirtschaft gehen kann“, betonte Prof. Sterner. Dennoch könnten die politischen Rahmenbedingungen günstiger sein. Viola Theesfeld gab ernüchternde Einblicke in die Lobbyarbeit des „Bündnis Bürgerenergie“, das sich als Stimme der dezentralen Energiewende in Berlin sieht.

„Unser Geld wirkt”, erläuterte Verena Riedler von der Crowdfunding-Plattform „KlimJa”. Den wenigsten Menschen sei bewusst, dass ihr Sparvermögen durch Investitionen der Banken in fossile Energien einen größeren ökologischen Fußabdruck hinterlasse als Fliegen oder Fleischkonsum. Mátyás Schreiber von „Energiewenden AT” machte deutlich: Die Investition in die Energiewende müsse eine Lifestyle-Frage werden. Gerade regionale Projekte erfüllten die Suche nach Selbstwirksamkeit und Sinnhaftigkeit.
Bene Müller, Vorstand der solarcomplex AG, betonte die Erfolgsgeschichte der Bürgerenergiegenossenschaften und stellte die Frage nach dem „Wie weiter?“. Politische Rahmenbedingungen, eine Veränderung im gesellschaftlichen Engagement und die Komplexität beispielsweise von Windkraftparks erfordere eine Professionalisierung.

Daniela Dietsche steht auf dem Podium und präsentiert ihren Vortrag. Sie stellt die Kombination von Gründach und PV als Multitalent für die Energiewende vor. Hinter ihr wirft ein Scheinwerfer ein Lichtstrahl in rot an die Wand.
Daniela Dietsche, Projektleiterin bei der Bodensee-Stiftung, präsentierte die Kombination von Gründach und PV als “Multitalent” für Energiewende, Klimawandelanpassung und Biodiversität. Copyright: Bodensee-Stiftung

Traditionell wirft die Tagung einen Blick auf technische Konzepte, zum Beispiel nach Pullach, wo die „tiefe Geothermie als potenzieller Champion der Wärmewende“ wirkt. Bene Müller zeigte am Beispiel des geplanten Nahwärmenetzes Dingelsdorf-Wallhausen das Potential der Seethermie auf, Dr. Thomas Stark, Professor für energieeffizientes Bauen an der Hochschule Konstanz HTWG, machte Möglichkeiten und Perspektiven der gebäudeintegrierten Photovoltaik anschaulich und Daniela Dietsche von der Bodensee-Stiftung stellte mit Dieter Schenk von der ZinCo GmbH die Kombination von Gründach und PV-Anlage als das „Multitalent“ für Energiewende, Klimawandelanpassung und Biodiversität vor.

Neben der Vermeidung von Treibhausgasemissionen müsse auch die Bindung von Kohlenstoff in so genannten „natürlichen CO2-Senken“ dringend ausgebaut werden. Bekannt ist die Bedeutung des Waldes, dessen Zustand Dominic Cullmann von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg mit Hilfe der Ergebnisse der Bundeswaldinventur vorstellte. Wie Holz mit dem energieintensiv hergestellten Beton konkurrieren kann, zeigte Elias Wahl von ProHolz Schwarzwald mit eindrücklichen Beispielen aus dem Wohnungsbau.

Noch wenig bekannt ist die Wirkung von Pflanzenkohle: Wie ein Schwamm kann das poröse Material CO2 aufnehmen und über Jahrhunderte speichern. „Ein Kilogramm bindet rund drei Kilogramm CO2“, rechnete Noel Schweizer vom Schweizer Unternehmen Zindel United vor. Das Unternehmen wandelt in einem technischen Verfahren namens Pyrolyse Biomasse wie Äste oder Blätter in Kohle um. Die Pflanzenkohle kann unter anderem in der Biolandwirtschaft zur Verbesserung der Bodenqualität, als Tierfutterzusatz oder als Aktivkohle in der Wasserreinigung eingesetzt werden.

Volker Kromrey steht auf dem Podium und präsentiert seine Folien. Die Folie ist betitelt mit: Wieviel CO2 speichert ein wiedervernässtes Moor pro Hektar in Baden-Württemberg.
Moor muss nass – unter diesem Titel stellte Volker Kromrey, Geschäftsführer der Bodensee-Stiftung, die Potentiale von wiedervernässten Mooren für den Klimaschutz vor.
Copyright: Bodensee-Stiftung

Im kommenden Jahr findet die Tagung zum 25. Mal statt. Auch beim Jubiläum am 24. und 25. September 2026 wollen die Veranstalter schleppenden Entwicklungen zum Trotz konstruktive Lösungen für die Energiewende präsentieren.

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